Halberstadts verlorene jüdische Geschichte: Wie die DDR die Erinnerung verweigerte
Ira DowergHalberstadts verlorene jüdische Geschichte: Wie die DDR die Erinnerung verweigerte
Halberstadts jüdische Gemeinde – einst ein zentraler Ort des Neo-Orthodoxen Judentums – wurde zwischen 1938 und 1942 ausgelöscht. Jahrzehnte später kam die schwierige Beziehung der Stadt zu ihrer jüdischen Vergangenheit wieder ans Licht, als der Verkauf der Rathauspassagen 2018 Gerüchte über einen angeblichen „Verkauf an die Juden“ auslöste. Diese Kontroverse veranlasste den Historiker Philipp Graf, in seinem neuen Buch „Verweigerte Erinnerung“ zu untersuchen, wie die DDR mit dem jüdischen Erbe umging – oder es vielmehr ignorierte.
Laut Martin Gabriel, Pfarrer der Liebfrauenkirche, begann die Zerstörung des jüdischen Lebens in Halberstadt mit der Pogromnacht im November 1938. Bis 1942 war die Gemeinde vollständig vernichtet. Nach dem Krieg lebte nur noch ein Jude in der Stadt: Willy Calm, der bis zu seinem Tod 1961 als offizieller Ansprechpartner für die verschwundene Gemeinde fungierte.
Eine Gedenkstätte am ehemaligen KZ Langenstein-Zwieberge, 1949 eingeweiht, ehrte zunächst die Opfer von Zwangsarbeit. Doch bereits 1969 wurde der Ort umgestaltet – nicht als Stätte der Trauer, sondern als Versammlungsplatz für Treuegelöbnisse. Die unterirdischen Stollen des Lagers wurden in den 1970er-Jahren sogar als militärisches Depot für die Nationalen Volksarmee der DDR zweckentfremdet.
Trotz dieser systematischen Auslöschung überdauerten Spuren jüdischer Kultur in der DDR. Werke von Künstlern wie Lin Jaldati oder Schriftstellern wie Jurek Becker und Peter Edel blieben zugänglich. Doch wie Graf in seinen Forschungen zeigt, erkannte der Staat das jüdische Erbe nie offiziell an. Sein Buch deckt diesen Widerspruch auf: Wie konnte ein Land, das sich auf antifaschistische Ideale berief, gleichzeitig die Erinnerung an seine jüdische Vergangenheit unterdrücken?
Der Verkauf der Rathauspassagen 2018 – ein Gebäude mit historischem Bezug zu jüdischen Eigentümern – ließ alte Vorurteile wieder aufkeimen. Grafs Nachforschungen zu der Äußerung vom „Verkauf an die Juden“ förderten tiefere Schichten der Verdrängung und des Vergessens in Halberstadts Geschichte zutage.
Seine Erkenntnisse offenbaren eine bewusste Leerstelle: Die DDR hinterließ keine offiziellen Dokumente über jüdisches Kulturgut, obwohl verstreute Relikte erhalten blieben. Die Umwidmung der Gedenkstätte und die militärische Nutzung der Lagertunnel spiegeln ein Muster wider, das auf Umdeutung statt auf Erinnerung setzte. Heute steht „Verweigerte Erinnerung“ als Zeugnis dessen, was verloren ging – und was nie bewahrt werden durfte.






