Stille Andacht im Marstall-Zelt: Ein ungewöhnlicher Gottesdienst auf der Wiesn
Sabrina RoskothStille Andacht im Marstall-Zelt: Ein ungewöhnlicher Gottesdienst auf der Wiesn
Jedes Jahr in der ersten Woche des Münchner Oktoberfests findet im Marstall-Zelt eine stille Tradition statt. Statt Bierkrüge und Blasmusik versammelt sich hier eine kleine Gruppe zu einem Gottesdienst. In diesem Jahr bot sich ein ungewöhnliches Bild: Nur sechs Männer standen in dem riesigen Zelt, teilten Wein aus einem goldenen Kelch und beteten an dem Ort, an dem sonst die Königlich Bayerische Vollgas-Orchester aufspielt.
Der Gottesdienst begann mit einer vertrauten Stimme, die das Vaterunser anführte. Einer der sechs Männer sprach: "Und führe uns nicht in Versuchung…", während die anderen in dem fast leeren Zelt zuhörten. Kurze Zeit später erhob sich die kleine Schar, und ihre Stimmen vereinten sich zu einem innigen "Lobt den Herrn!" – ein seltener Choral an einem Ort, der sonst für ausgelassenes Feiern bekannt ist.
Der Wiesn-Gottesdienst gewährt einen Einblick in eine weniger bekannte Seite des Oktoberfests. Hier gibt es keinen Dorfplatz, keine feste Kirche, nur eine wandernde Gemeinde und einen Pfarrer ohne festen Standort. Für einen Morgen wird das Festzelt zur Stätte der Andacht, eine ungewöhnliche Verbindung von Tradition und Überraschung.
Um sie herum war das Marstall-Zelt fast menschenleer. Wo sonst Tausende mit Bierkrügen anstoßen, tranken diesmal nur sechs Männer – aus einem einzigen goldenen Kelch. Ihre stille Zeremonie bildete einen scharfen Kontrast zu dem lebhaften Treiben draußen auf dem Festgelände.
Der jährliche Gottesdienst bleibt ein einzigartiger Moment im Oktoberfest-Kalender. Er bringt eine kleine Gruppe in einem Raum zusammen, der für Menschenmassen gemacht ist, und verwandelt ein Bierzelte in einen Ort der Besinnung. Während die meisten Besucher wegen der Musik und des Feierns kommen, erinnert diese Tradition daran, dass das Fest auch leisere, persönlichere Bedeutungen birgt.






