Klassik-Welt im Umbruch: Absagen, Skandale und eine Milliarde für Tempelhof
Ira DowergKlassik-Welt im Umbruch: Absagen, Skandale und eine Milliarde für Tempelhof
Mehrere bahnbrechende Entwicklungen haben diese Woche die Welt der klassischen Musik erschüttert. Hochkarätige Absagen, Führungswechsel und Debatten um Spielstätten sorgen in Deutschland und darüber hinaus für Schlagzeilen. Die Diskussionen reichen von finanziellen Sorgen bis hin zu kulturellen Kontroversen.
Matthias Goerne hat seine geplanten Auftritte in Israel abgesagt, darunter eine Produktion von Herzog Blaubarts Burg unter der Leitung von Lahav Shani. Er begründete dies mit der Unmöglichkeit, in das Land zu reisen, gab jedoch keine weiteren Details bekannt. Unterdessen hat Karin Bergmann in Salzburg angeboten, für Markus Hinterhäuser bei dessen Festival-Konzerten einzuspringen – dieser hat jedoch noch nicht reagiert.
In München erntet Tobias Kratzers Ring-Zyklus mit Die Walküre überragende Kritiken. Der Erfolg der Produktion steht im Kontrast zu den anhaltenden Debatten in Berlin, wo die für 2032 geplante Sanierung der Philharmonie die Suche nach einem Interims-Spielort ausgelöst hat. Eine aktuelle Umfrage von BackstageClassical ergab, dass 66 Prozent der Befragten den Flughafen Tempelhof bevorzugen, während nur fünf Prozent das ICC unterstützen. Philharmonie-Direktorin Andrea Zietzschmann äußerte sich skeptisch zur favorisierten Lösung der Stadt. Auch das VAN Magazin sprach sich für Tempelhof aus und schätzt die Kosten auf über eine Milliarde Euro. Kurz nach der Debatte kündigte Zietzschmann an, ihren Vertrag nicht über 2028 hinaus zu verlängern.
Kritik gab es zudem an der Entscheidung des MDR, seinen Klassik-Rundfunksender auf DAB+ einzustellen. Musikdirektorin Annette Josef verteidigte den Schritt mit dem Verweis auf erweiterte Kooperationen mit der ARD und strategisches Wachstum. Der Sender soll durch BR-Klassik ersetzt werden. In Leipzig sieht sich Dirigent John Eliot Gardiner Vorwürfen wegen unangemessenen Verhaltens gegenüber einer Mitarbeiterin beim Bach-Festival ausgesetzt. Als Reaktion auf die Kontroverse erklärte Steven Walter, Direktor des Bonner Beethovenfests, sein Festival zur „No-Dick-Pic-Zone“ und kündigte Konsequenzen für Wiederholungstäter an.
Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda unterstützte öffentlich Michel Friedmans Positionen zur deutschen kulturellen Identität in einer aktuellen Debatte der Süddeutschen Zeitung. Zudem nutzte Oliver Wille, Leiter der Hitzacker Sommer-Musiktage, den BackstageClassical-Podcast, um einen ernsthafteren und werktreueren Umgang mit Musik zu fordern.
Die klassische Musikszene bewegt sich derzeit zwischen künstlerischen Triumphen und institutionellen Herausforderungen. Finanzielle Zwänge, Führungswechsel und öffentliche Kontroversen prägen die Landschaft neu. Die Folgen dieser Entwicklungen werden die Branche noch Jahre beschäftigen.
