Gockels radikale Wallenstein-Inszenierung verbindet Krieg, Küche und Prigoschins Machtspiele

Nicolai Schlosser
Nicolai Schlosser
3 Min.
Ein dynamisches Stadtlandschaftsbild von Wassily Kandinsky mit verschiedenen Formen in Blautönen, Grüntönen, Gelbtönen und Rottönen.Nicolai Schlosser

Gockels radikale Wallenstein-Inszenierung verbindet Krieg, Küche und Prigoschins Machtspiele

Eine kühne Neuinszenierung von Schillers Wallenstein stand im Mittelpunkt des Theaterfestivals der Münchner Kammerspiele. Regisseur Jan-Christoph Gockel verwandelte das klassische Drama in eine siebenstündige Produktion mit dem Titel Das Schlachtmahl in sieben Gängen. Der Abend verband historisches Theater mit scharfer Zeitkritik und zog überraschende Parallelen zwischen den Konflikten des 17. Jahrhunderts und Russlands Überfall auf die Ukraine 2022.

Eröffnet wurde die Aufführung mit einem provokanten Vortrag des russischen Künstlers Serge Okunev. Er analysierte Jewgeni Prigoschin – bekannt als "Putins chefkoch" – und dessen Rolle bei der Ausrüstung der Wagner-Söldner für den Krieg. Okunev verpackte seine Ausführungen mit Humor, berief sich auf den Harry-Potter-Zauber Ridikulus, der Angst in Spott verwandelt, und zog Vergleiche zwischen Kochen und Krieg, was eine Mischung aus Satire und ernüchternder Realität schuf.

Gockels Inszenierung bearbeitete Schillers Originaltext radikal: Große Passagen wurden gestrichen, neue Prologe, Epiloge und zeitgenössische Einspielungen hinzugefügt. Das Ensemble agierte um eine lange Küchenzeile herum, die als eindringliches Bild für den Krieg als groteskes chefkochmahl diente. Teilweise wechselten die Schauspieler ihre Rollen – mal Köche, mal Bauern oder Soldaten –, wenn auch einige Kritiker fanden, dass dieses Stilmittel im Laufe des Abends an Wirkung verlor.

Ein beklemmender Höhepunkt gelang Schauspieler Samuel Koch, dessen gelähmter Körper für kurze Momente durch eine mechanische Konstruktion zum Leben erweckt wurde – wie eine lebendige Marionette. Kochs zurückhaltende Bewegungen – zwei bewusste Schritte, einige Armgesten – standen als kraftvolles Symbol der Verletzlichkeit im Chaos. Seine Darstellung Wallensteins bildete den stillen, nachdenklichen Kern der Produktion.

Die letzten Minuten boten einen Funken Hoffnung: Die Aufführung endete mit einem Auszug aus Swetlana Alexijewitschs Der Mensch ist größer als der Krieg und hinterließ beim Publikum eine zerbrechliche, doch trotzig optimistische Botschaft.

Durchgehend verwebte die Inszenierung Recherchen zu den Wagner-Söldnern und Prigoschins Machenschaften. Eine kleine, von Michael Pietsch geführte Puppe fügte eine weitere surrealistische Kommentarebene hinzu. Das Ergebnis war ein dialektisches Aufeinanderprallen von Wallensteins historischem Verrat und Prigoschins modernen Intrigen, das das Publikum mit den zeitlosen Kreisläufen von Macht, Gier und Gewalt konfrontierte.

Gockels Wallenstein dauerte fast sieben Stunden und sprengte mit seiner Mischung aus Theater, Politik und multimedialen Experimenten Grenzen. Die radikalen Kürzungen und zeitgenössischen Bezüge lösten Debatten aus, doch die prägnantesten Bilder – Kochs Marionette, die Küche als Schlachtfeld – blieben lange nach dem Fall des Vorhangs im Gedächtnis. Indem das Festival ein 400 Jahre altes Stück mit heutigen Kriegen verband, unterstrich es unmissverständlich die Rolle der Kunst, die Kosten ungebremsten Machtstrebens schonungslos offen zu legen.

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